Erfahrungsbericht von Kevin-3 neu Gatsby aus Ungarn

.12.2021

Ich hatte zwar zuvor schon mit Hunden zu tun, aber Gatsby (vorher: Kevin-03) war mein erster eigener Hund. Ich hatte vorhin schon einen Hund zu Probe bei mir zu Hause, was aber gar nicht gepasst hat. Entsprechend war ich unsicher, ob ich einem Hund wirklich gerecht werden könnte. Aus einer Beschlagnahmung kommend, mit Narben auf der Nase, (wie wir später beim Tierarzt festgestellt haben) einer Luftgewehr-Kugel im Rücken und unzähligen unbehandelten Lungenentzündungen, die seine Lunge beschädigt haben, hatte der Kleine sicher sehr vieles durchgemacht und wurde mir entsprechend als unsicher beschreiben. Gerade deshalb war es mir sehr wichtig, den Hund vorher einmal zu sehen, kennenzulernen und ein Gefühl für ihn zu bekommen. Was ich dann live erkennen konnte, war, dass Gatsby zwar unsicher war, sich aber etwa der laut knallenden Tür, vor der er sich erschrocken hatte, zuwendet, sich also mit seiner Angst befasst, was mich bezüglich des Trainings zuversichtlich stimmte. Auch konnte ich sehen, dass der Kleine sich gut von mir anfassen ließ, einen besonders guten Draht zu mir zu haben und auch generell eher menschenbezogen zu sein schien. Etwas, was mir sehr wichtig war. Er war ruhig, aufmerksam, aber nicht aufdringlich.

Zu Hause war – wie vermutlich für die meisten Tierschutzhunde – erst einmal alles neu: Glatte Böden, Spazieren gehen, Treppenhäuser, Aufzüge. Immer wieder gab es Momente, in denen ich gedacht habe: „Okay, das ist wohl nun etwas, das er nicht mehr lernen wird.“ Das wäre auch okay gewesen. Aber ich habe gelernt: Zeit ist der wohl maßgeblichste Faktor, gerade wenn man einen eher unsicheren Hund neu zu sich holt. Die allermeisten Dinge, die man immer wieder und ohne Druck übt, wiederholt, werden irgendwann alltäglich. Wo er anfangs noch zitternd und mit eingeklemmtem Schwanz im Türrahmen stand, partout nicht ins Treppenhaus wollte und sich bei der Liftschwelle immer überwinden musste, macht er das heute, als hätte er es nie anders gekannt. Die ersten Monate hat er sich kaum aus seinen Bettchen heraus bewegt, ab und zu kam er zu mir auf die Couch (dass er das nur auf Kommando durfte, hat die Sache zusätzlich verkompliziert), ansonsten lag er still am selben Ort. Als ich zum ersten Mal die elektrischen Rolläden runtergelassen habe, hat er so einen Schreck gekriegt, dass er gar nicht mehr ins Wohnzimmer wollte. Jetzt, nach zehn Monaten, geht er auch mal durch die Wohnung und schnüffelt hie und da. Auch wenn es immer noch Dinge gibt, die schwieriger für ihn sind als für andere Hunde, geht mir bei anderen, vermeintlich kleinen Dingen das Herz auf: Zum Beispiel wenn er von sich aus trinken und dann wieder entspannt an seinen Platz zurück geht.

Gatsby hat Allergien und braucht deswegen spezielles Futter sowie monatlich eine Spritze. Wir waren schon sehr oft beim Tierarzt. Das gehört sicher dazu, wenn man sich einen älteren Hund holt: Dennoch kann ich es jedem ans Herz legen, der nach einem etwas ruhigeren Gefährten sucht, der einen vielleicht nicht 15, sondern „nur“ 5 Jahre begleitet. Man schenkt einem Tier ein Zuhause, das es vielleicht so sein ganzes Leben nie hatte, und gerade wenn man etwas jünger ist, ist es vielleicht auch einfach realistischer, sich für eine etwas kürzere Zeitspanne zu verpflichten.

Was mir unglaublich geholfen hat, war, dass ich eine Hundetrainerin hatte, die ab und zu mit uns spazieren gegangen ist und die ich einfach unkompliziert über Whatsapp nach den nächsten Trainigsschritten oder nach der Bedeutung eines Verhaltens fragen konnte. Gerade wenn man versucht, alles richtig zu machen, nimmt einem das den Druck enorm. Gatsby wird nie ein in neuen Situationen entspannter und souveräner Hund sein. Er wird es wohl nie lieben, Zug oder Auto zu fahren. Er wird sich immer vor Feuerwerken oder Donner fürchten. Auch nach zehn Monaten gibt es noch Momente, in denen mir bewusst wird, dass seine Vergangenheit ihn immer mal wieder einholen wird und er in gewissen Situationen anders reagiert, als ein „normaler“ Hund. Aber ich werde nie vergessen, wie er mich das erste Mal zu Hause angesehen und mit dem Schwanz gewedelt hat, wie er das erste Mal ruhig mit dem Kopf an mir eingeschlafen ist oder sich in seinem Bettchen auf den Rücken gedreht und sein Spielgesicht aufgesetzt hat. Wie er draußen plötzlich ganz übermütig wurde und sich vor lauter Freude im Herbstlaub wie ein Kreisel gedreht hat. Und wie er an mich gekuschelt tief schläft und wild träumt. Alles kleine Momente die mir gezeigt haben: Er ist angekommen. Und er fühlt sich wohl. Das macht mich zuversichtlich, dass es nichts gibt, an dem wir nicht entweder arbeiten und es so verbessern können oder das ich einfach als Teil seines Wesens akzeptieren kann. Und da haben sich all die sorgenvollen Stunden, in denen ich mich gefragt habe, ob wir dieses oder jenes Problem in den Griff bekommen oder ob wir einen gemeinsamen Rhythmus finden werden, mehr als gelohnt. Jeden Tag lernen wir voneinander und miteinander. Gatsby hat alles verändert – Leute die noch nie einen Hund gehabt haben, egal wie gut sie vorbereitet sind, werden sich erstmal daran gewöhnen müssen. Aber eins ist sicher: Ich würde ihn nie wieder hergeben.

Zurück

Kommentare
Einen Kommentar schreiben
Bitte addieren Sie 3 und 8.

© 2007-2026, animal-happyend, Verein für Tiere in Not