Zalando-Tiere: Gestern bestellt, morgen im Wald ausgesetzt, weil sie stören. Was sagt das über uns Menschen?
Publiziert: Montag, 19.01.2026 (Kommentare: 0)
Wir empfehlen den nachfolgenden Artikel, welcher in der NZZ am Sonntag vom 18. Januar 2026 erschienen ist, zur Lektüre. Leider spüren wir als Tierschutzverein den gesellschaftlichen Wandel tagtäglich unmittelbar und in seiner vollen Wucht: Werte wie Eigenverantwortung und selbständiges Denken, aber auch Geduld und Respekt sind in grosser Gefahr. Viele Menschen sind unerträglich egoistisch und richten ihr Verhalten einzig und allein auf sofortigen Genuss/sofortige Befriedigung eigener Bedürfnisse aus. Regeln werden als Empfehlungen betrachtet und Vorgaben nur insoweit als verbindlich, als sie einem gerade passen. Es ist dringend notwendig, Gegensteuer zu geben. Zeigen Sie Zivilcourage und getrauen Sie sich, Missstände anzusprechen!
Zalando-Tiere: Gestern bestellt, morgen im Wald ausgesetzt, weil sie stören. Was sagt das über uns Menschen?
NZZ Artikel vom 18.1.2026, Sacha Batthyany (Text)
Hunde, Katzen und Kaninchen werden immer häufiger ins Tierheim abgeschoben oder im Wald ausgesetzt. Die anfängliche Freude an Haustieren erkaltet schnell und kippt in Gewalt: Was genau passiert mit Fifi, Bello und Rocky, wenn niemand zusieht?
Es sind Geschichten über Tiere. Aber sie handeln von uns Menschen:
Ein Mann kauft seinem Sohn in Deutschland zwei Frettchen, bringt sie in die Schweiz, merkt am selben Abend, dass sie nach Wild stinken, und gibt sie am nächsten Tag im Tierheim ab.
Eine Frau bestellt sich zwei Minischweine, nennt sie Smiley und Smokey, findet Monate später heraus, dass es keine Zwergtiere, sondern Riesensäue sind, und wird sie wieder los.
Ein Vater kauft ein Kaninchen, weil seine Tochter für ihren Stoffhasen unbedingt eine Freundin will. Doch als das lebendige Tier sich in keine Puppenkleider stecken lässt, bringt es der Vater ins Tierheim.
Im Jahr 2024 wurden in der Schweiz 32079 Tiere in Tierheimen abgegeben, mehr als 600 pro Woche, die Zahl steigt seit der Covid-Pandemie. Die Abgabe von Katzen, Hamstern, Schildkröten oder Meerschweinchen, weil einem die Lust verging, ist erlaubt. Es gibt kein Gesetz, das vorschreibt, seinen Golden Retriever ein Leben lang durchzufüttern.
Aber die Zunahme dieser aussortierten Tiere zeugt von einem gesellschaftlichen Wandel.
Irgendetwas in der Beziehung zwischen Mensch und Tier sei «ins Rutschen» geraten, sagt Miriam Walker vom Tierdörfli Olten. Tiere würden immer häufiger «wie Konsum- und Wegwerfartikel» behandelt, «aus einer Laune heraus» angeschafft, weil in den sozialen Netzwerken zum Beispiel ein Rapper mit einer Schlange posiere, und ebenso leichtfertig wieder abgegeben.
Mehr als drei Millionen Heimtiere leben in der Schweiz, so viele wie noch nie, vor allem die Katzenpopulation explodiert, auch die Anzahl der Hunde und Nagetiere ist seit Corona rasant gestiegen.
Selbst die Anzahl der Reptilien hat «stark zugenommen» laut dem Verband Schweizer Fisch- und Reptilienauffangstationen. Es gibt Welpenhandel, Amphibienbörsen, immer mehr Möglichkeiten, an ein Tier zu gelangen.
«Es wird zusammengekauft, was das Zeug hält», heisst es beim Schweizer Tierschutz. In fast jedem zweiten Haushalt miaut, bellt, zwitschert mindestens ein Tier, mampft pausenlos Salatblätter oder rennt wie vom Affen gebissen spätnachts durchs Hamsterrad.
Doch so gross die Liebe anfänglich sein mochte, sie erkaltet schnell. Viele sehnten sich vielleicht nach Nähe, nach einem felligen Freund, einer schnurrenden Begleiterin für die Kinder, einem treuen Wesen, das abends fiepende Geräusche macht, wenn man die Haustüre öffnet.
Doch was sie erhielten, war ein . . . Tier:
Eine Frau überrascht ihren Mann mit einem Hundewelpen, nimmt ein Video auf, wie er den Karton auspackt, nur hat der Mann überhaupt keine Lust auf diese Bulldogge, worauf sie den Hund ins Tierheim bringt.
Ein älterer Herr wird von einem Strassenmusiker überredet, einen Chihuahua zu kaufen. Er geht mit dem Mann zur Bank, hebt 1000 Franken ab und stellt nach ein paar Wochen fest, dass er den Hund doch nicht mehr will, weil ihn das Spazieren überfordert.
Miriam Walker vom Tierheim in Olten beobachtet, dass Tiere bei Lebensveränderungen, sei das ein neuer Job, eine Scheidung oder noch ein Baby, immer schneller und leichtfertiger «über Bord geworfen» werden.
Statt Lösungen zu suchen, wie man Lulu, das Kaninchen, oder den Kater Simba in die neue Situation integriert, würden die einstigen Lieblinge abgeschoben. Bei Zügelterminen im Herbst und Frühling, wenn der Keller ausgemistet wird, sind auch die Tiere dran, dann würden die Anfragen zunehmen. Walker sagt: «Die Bereitschaft, für ein Tier dauerhaft Verantwortung zu übernehmen, sinkt.»
So wie es Recyclinghöfe gibt, wo man seine alten Fernseher und Lattenroste entsorgen kann und dann erleichtert wieder nach Hause fährt, gibt es Heime für Katzen, Meerschweinchen und Wellensittiche, oft in Industriegebieten neben Lidl und Autodiscounter, es gibt Reptilienstationen und Fischbecken, die für eine geringe Gebühr jene Tiere aufnehmen, die anfänglich noch Freude bereiteten, aber jetzt nur noch stören.
«Wir platzen aus allen Nähten», sagt Walker in Olten und zeigt auf ein paar schneeweisse Hochzeitstauben, «die nach dem Fest nicht mehr gebraucht wurden» und sich nun in einer Voliere befänden.
Und doch seien sie froh um jedes Tier, das vorbeigebracht werde. «Alles besser, als wenn sie vor Tankstellen angebunden werden», im Müll zwischen dem Weihnachtsbraten landeten oder wie Tausende von Zierfischen pro Jahr in der Toilette.
«Heute kauft man sich Hunde oder Katzen wie eine Polstergruppe», sagt Klaus Odermatt, Tierarzt und Leiter des Tierheims Paradiesli in Nidwalden. Odermatt spricht von einer «Zalando-Mentalität» – gestern per Klick im Internet bestellt, heute abgeholt, morgen weggeworfen.
Als die Zahl der Haustiere während Corona hochschnellte und sich immer mehr Menschen in der Schweiz Chinchillas und Chihuahuas anschafften, weil das Sauerteigbrotbacken allein keine Erfüllung brachte, da habe er gewusst: «Die landen früher oder später bei uns.»
Patrick Ulmann, der Leiter des Tierheims an der Birs, erzählt, dass sich die Zahl dieser sogenannten Verzichtstiere seit 2023 in Basel beinahe verdreifacht habe.
In der ganzen Schweiz wie auch im Raum Basel sei auch die Zahl der Findeltiere gestiegen, also etwa Hamster oder Meerschweinchen, die im Wald ausgesetzt oder in Schachteln auf der Strasse zurückgelassen wurden, was im Gegensatz zur Abgabe im Heim gemäss Schweizer Tierschutzgesetz als strafbar gilt.
Ulmann beobachtet speziell bei Hunden einen steigenden Erwartungsdruck. «Hunde müssen nicht nur so aussehen wie in der Werbung, sie dürfen auch nicht bellen, winseln, stinken, erkranken und Zeit einfordern.» Wenn sie es doch tun, sich zurückziehen, statt zu kuscheln, oder sich sträuben, in der Handtasche neben den Zigaretten stillzuhalten, wird man sie wieder los.
Er sei erstaunt, wie leicht es vielen Besitzerinnen und Besitzern falle. «Dabei ist eine Abgabe eines Hundes ähnlich», so Ulmann, und er formuliert es als Frage: «Wie wenn man ein Kind abstösst?»
Ein Versagen
Ein trüber Mittwoch Anfang Dezember im Tierheim an der Ron in Luzern. Lina Hartmann streichelt ihrem Hund ein letztes Mal über den Kopf, sie umarmt ihn zum Abschied und drückt ihn fest an sich.
«Wir waren so gute Freunde», sagt sie, worauf ihre Stimme bricht und sie zu weinen beginnt, während Diega ins Leere hechelt. «Schon gut», sagt ihr Mann, der hinter ihr steht und klingt, als spräche er zum Hund, «schon gut», dabei meint er seine Frau.
Mit einem tiefen Seufzer übergibt sie Diega einem Mitarbeiter des Tierheims und schaut zu, wie ihr Hund in einem Zwinger verschwindet.
So endet diese Freundschaft, die vor etwas mehr als drei Monaten im Internet begann, als Frau Hartmann auf der Suche nach einem geeigneten Hund bei einem Foto von Diega hängenblieb, einem Mischlingsweibchen aus Rumänien, das von der Vermittlungsorganisation als «problemlos» angepriesen wurde und dann doch nicht so problemlos war.
Sie habe sich auf Diega gefreut, habe alles vorbereitet, das Bettchen, die Leine, habe 500 Franken bezahlt und auf sie gewartet auf einem Parkplatz im Aargau, wohin man das Tier in einem Kastenwagen voller Hunde aus Rumänien brachte.
Die ersten Tage verliefen gut, aber Diega hatte zu viel Energie, stieg dauernd in die Leine, kläffte andere Hunde an und war draussen stets im Erregungszustand. «Ich war jeden Morgen nach dem Spaziergang mit den Nerven am Ende», sagt Frau Hartmann. Bis sie nicht mehr konnte.
Sie habe seit der Kindheit mit Hunden gelebt, sie wisse um die Verpflichtung, «aber das geht zu weit», sagt sie leise, und hält sich die Hände vors Gesicht. «Ich schäme mich», sagt sie, «ein Tier abzugeben, ist ein Versagen». Ihr Mann blickt zu Boden und sagt nichts.
Täglich erhalten Tierheime in der Schweiz Dutzende Anfragen, ob sie nicht den Rexli oder die Lucy aufnehmen könnten. Es gibt nachvollziehbare Gründe, jemand muss ins Altersheim, jemand verstirbt oder entwickelt eine Allergie. Aber oftmals wird mit etwas zu wehleidigem Ton versucht, sich aus der Verpflichtung zu stehlen.
Da ist von einer «plötzlich diagnostizierten Diskushernie» die Rede, von «psychischer Labilität» oder einem Nachbarn, der «das Geschnatter der Wellensittiche» nicht ertrage. Immer wieder werden Drohungen geäussert, dem Tier Gewalt anzutun, sollten sie es nicht abgeben können:
Eine Frau schreibt: «Meine Katze macht in die Wohnung. Sie muss weg, und zwar so schnell als möglich. Ich kann für nichts mehr garantieren.»
In einer anderen E-Mail steht: «Unser Hund ist 14, und er ist inkontinent geworden. Ich bin nicht mehr bereit, ihn durchzufüttern. Ich muss mich schon um meinen Mann kümmern. Wenn Sie ihn nicht holen, ist es um ihn geschehen.»
Die Grösse einer Nation und ihr moralischer Fortschritt lassen sich daran messen, wie sie ihre Tiere behandelt. Das sagte Mahatma Gandhi.
Geknurre und Gebeisse
Auch Andreas Philippson, Tierarzt und Leiter des Berner Tierzentrums, beobachtet diese «Wegwerfmentalität»: Viele wollen «das perfekte Tier», sagt er. «Und sie wollen es jetzt.» Funktioniere es nicht so, wie man sich das vorgestellt habe, stosse man es ab.
Und doch gebe es unterschiedliche Trends, die sich zum Teil widersprächen und zum Pluralismus heutiger Gesellschaften passten.
Während Tiere auf dem Land häufig Gebrauchsgegenstände seien, den Hof beschützten oder Mäuse jagten, dienten sie in der Stadt mitunter als Menschenersatz. Die emotionale Bindung zu Haustieren sei in den letzten Jahrzehnten insgesamt gestiegen, sagt Philippson. «Man ist auch bereit, viel mehr zu bezahlen.»
Früher habe man Hunde eingeschläfert, wenn die Operation mehr als 500 Franken gekostet hätte. Heute würden Behandlungskosten von bis zu 10000 Franken hingeblättert.
Dazu passt, dass in immer mehr Innenstädten exklusive Hundeboutiquen zu finden sind, in denen es rosa Mäntelchen für mehrere hundert Franken zu kaufen gibt. Wer seinem Hund Billigfutter aus dem Supermarkt serviert, gilt in urbanen Kreisen schon fast als Tierquäler.
Hunde eignen sich gut, unser oft widersprüchliches und unbeholfenes Verhältnis zu Haustieren im Allgemeinen zu veranschaulichen.
Gerade weil sie heute so vermenschlicht werden, weil man sie als beste Freunde überhöht und zu hohe Erwartungen an sie stellt, wächst auch die Enttäuschung, wenn sie diese nicht erfüllen; wenn sie jagen, bellen, sabbern und die Frechheit besitzen, mit der Zeit nicht mehr ganz so niedlich auszusehen wie noch als Welpen.
Weil Hunde, im Unterschied zu Katzen, obligatorisch gechippt werden müssen, lassen sich ihr Bestand und ihre Wege genauer nachzeichnen. Zwar ist ihre Population in den letzten Monaten etwas gesunken, dennoch sind sie so beliebt wie nie. Mehr als 550000 jaulende, winselnde und knurrende Vierbeiner werden in der Schweiz spazieren geführt. Die Zahl jährlich neu gemeldeter Hunde lag früher zwischen 5000 und 6000 und hat sich während der Covid-Pandemie verdoppelt.
Zugenommen aber, und zwar deutlich, hat auch die Zahl der Hunde, die ausgemustert wurden, ebenso die der Hundebisse und der Importe. Jeder zweite Hund wird mittlerweile aus dem Ausland erworben, weil sie dort zehnmal billiger sind als solche aus einer Schweizer Zucht und man nicht ewig auf sie warten muss.
Zu Hunderten werden sie, wie Diega, der Mischling der Hartmanns, für 300 bis 500 Franken im Internet bestellt, mit Lieferwagen zuweilen auch illegal und unverzollt über die Grenze geschmuggelt und auf Autobahnraststätten ihren neuen Besitzern übergeben.
Doch viele dieser Tiere sind laut Petra Roos vom Luzerner Tierheim an der Ron verhaltensauffällig, weil sie dem Muttertier zu früh entzogen und falsch gehalten worden oder auf ein Leben in der Schweiz nicht vorbereitet seien.
Wer Hunde importiere, denen es angeblich schlecht gehe, sagt Roos, löse das Tierschutzproblem in jenem Land nicht, sondern verschiebe es nur. «Die streunen in Rumänien auf der Strasse umher, haben aber in einer Zweizimmerwohnung irgendwo in der Schweiz nicht unbedingt das bessere Leben.»
Hundehalter spielten sich oft als Retter auf, sagt eine Tierärztin aus St. Gallen, die aus Angst, von aggressiven Hündelern – nicht deren Hunden! – angeblafft zu werden, nicht namentlich genannt werden will: «Sie reden sich ein, etwas Gutes zu tun, wenn sie einen Mischling holen», aber das machten Eltern auch, die ein Kind aus Afrika adoptierten. «Am Ende machen sie es nur für sich.»
Aus Mitleid ein Tier aus dem Ausland anzuschaffen, sei sowieso ein Fehler. «Viele bestellen sich Kuschelhunde und erhalten verhaltensgestörte Bestien», sagt sie.
Die Hundemeldungen zu «übermässiger Aggression» hätten sich in ihrem Kanton «mehr als vervierfacht». Es gebe Ausnahmen, klar, «aber was an ausländischen Kötern bei uns herumspaziert, ist eine Katastrophe». So redet sie sich in Rage und klingt wie eine Politikerin auf dem Parteitag der AfD, nur dass es sich um Vierbeiner handelt.
«Die Hundekultur in der Schweiz leidet», sagt die Tierärztin. Auf Hundewiesen sei es früher gemütlich gewesen, heute herrsche eine angespannte Atmosphäre, ein einziges «Geknurre, Gebeisse und Gebelle»; kein Wunder, landeten viele dieser Tiere irgendwann im Tierheim.
Rommy Los vom Zürcher Tierheim, der den Import von Hunden ebenfalls kritisch beurteilt, sagt es so: «Die Leute wollen die schönen Hunde mit den schönen Gesichtern, aber erhalten schwierige Hunde mit schwierigen Biografien.» Es gebe eine Diskrepanz zwischen dem, was sich gut verkaufe, und dem, was im Schweizer Alltag funktioniere:
Eine Familie kauft sich einen Siberian Husky aus Bosnien, der nach ein paar Monaten der siebenjährigen Tochter «die Lippe weggebissen» hat, wie es in einer E-Mail an ein Tierheim heisst. «Der Hund muss weg.»
Ein Mann kauft sich im Netz einen American Staffordshire Terrier und merkt zu spät, dass diese Rasse bewilligungspflichtig ist und auf Kinder «temperamentvoll» reagiert.
Eine Frau mit drei Kleinkindern bestellt sich einen Strassenmischling mit «ganz freundlichen Augen» aus Ungarn, von dem es hiess, er würde Kinder beschützen, was sich aber «als komplette Lüge» herausstellte. Nun getraue sie sich nicht mehr ins Wohnzimmer, das sie «aus Angst vor diesem Köter» seit Tagen nicht mehr betrete.
Fische ins WC
Die Einsatzzentrale des Zürcher Tierrettungsdienstes in der Nähe des Flughafens sieht aus wie eine Polizeistation. Mehrere Mitarbeiterinnen sitzen hinter Flachbildschirmen und nehmen Anrufe entgegen. Die Rettungswagen rücken immer dann aus, wenn sich Tiere in Not befinden.
Das können Igel sein, die in Verkehrsunfälle geraten, Entenküken, die auf Dachterrassen festsitzen, aber auch Katzen, Hunde, ausgebüxte Hamster, die irgendwo aufgelesen werden. Rund 7000-mal war der Dienst 2024 allein im Raum Zürich unterwegs, so oft wie noch nie.
Neben der Zunahme an Verzichtstieren ist auch die Zahl der Findeltiere gestiegen. Auffallend ist, dass die meisten dieser Tiere, die Kinder beim Spielen mitunter am Waldrand entdecken, gar nicht vermisst werden. Das legt den Verdacht nahe, dass sie gar nicht entlaufen sind, sondern ausgesetzt wurden. Gemäss Gesetz gilt das als Tierquälerei.
Patrick Ulmann vom Basler Tierheim sagt: «Bei 80 Prozent der Findeltiere meldet sich niemand, also werden sie auch nicht vermisst.» Hunde seien mit einem Chip versehen und registriert, da sei es einfach, die Besitzer ausfindig zu machen. Nach Katzen werde hie und da gesucht. Aber Schildkröten? Bartagamen? Meerschweinchen?
Ulmann: «Die will niemand mehr.»
Dass die Rekordzahlen an Haustieren in der Schweiz dazu führen, dass immer mehr Tiere in Heime abgeschoben werden, ist das eine. Aber führen sie auch zu mehr Gewalt?
Werden Hunde mehr geschlagen, Katzen ausgesperrt, Chinchillas gequält und Fische schlecht gehalten?
Es gibt keine einheitlichen Statistiken darüber, was in unseren Stuben hinter blickdichten Vorhängen mit all den Rockys und Fifis geschieht. Die Dunkelziffer sei gross, heisst es. Und was tierliebende Städter bereits als Verwahrlosung bezeichnen, gilt unter Bauern vielleicht als artgerecht.
Sicher ist: «In den letzten Jahren machten Heimtiere den höchsten prozentualen Anteil der schweizweit ergangenen Strafentscheide aus und waren häufig von Tierschutzverstössen wie Gewalt, mangelhafter Haltung oder unterlassener medizinischer Versorgung betroffen», sagt Deborah Bätscher von der Stiftung für das Tier im Recht.
Die gestiegene Verfügbarkeit von Tieren sowie die unterlassene oder mangelhafte Auseinandersetzung mit deren Bedürfnissen führten zu einer «Erhöhung der Fälle mit problematischer Haltung». Manche Besitzer seien überfordert und reagierten aggressiv, so Bätscher, manchen fehle es schlicht am Wissen: Hat jede Schildkröte eine Wärmelampe? Jeder Hamster ein Rad?
In Zürich ist die Zahl der Strafverfahren gegen Besitzer von Heimtieren deutlich gestiegen, 157 waren es 2024, zwei Jahre zuvor 72, was aber, wie das Veterinäramt sagt, mit einem neuen statistischen Verfahren zusammenhängen könnte.
Im Aargau gibt es gemäss Jahresbericht weniger Tierschutzmeldungen insgesamt, dafür «deutlich schwerwiegendere Tierschutzvergehen», womit etwa hygienische Zustände gemeint sind oder Mängel in der Pflege. Ausserdem gab es sehr viel mehr Beschlagnahmungen (+258 Prozent) als im Vorjahr, was bedeutet, dass Besitzern die Tiere aufgrund von Meldungen aus der Bevölkerung entzogen werden.
Was Hunde angeht, so haben sich auch in Bern die Beschlagnahmungen jüngst mehr als verdoppelt.
Bleiben die Fische, über die nie jemand spricht:
Ein Mann hält einen einsamen Goldfisch in einer Plastikschale, 44 Zentimeter lang, 32 breit, 26 hoch. Ohne Pflanze. Ohne Steine. Ohne Filteranlage. Der Fisch lebt acht Jahre in «absolut tierschutzwidrigen Umständen».
Hans Gonella vom Verband Schweizer Fisch- und Reptilienauffangstationen sagt: «Ein Grossteil der neuen Fische stirbt in den ersten Monaten, da sie in zu grossen Mengen in zu kleine Aquarien eingesetzt wurden.» Ein Drittel «der Aquarianer» höre nach einem Jahr mit dem Hobby auf, was vom Fischbestand noch übrig sei, «landet in der Toilette».
120 tote Hunde
Als Anfang November im solothurnischen Ramiswil 120 Hunde eingeschläfert wurden, die verwahrlost auf einem Hof vor sich hin vegetiert hatten, war der öffentliche Aufschrei gross.
Es gab eine Mahnwache mit Kerzen, Menschen hielten Schilder in die Luft, auf denen «dog lives matter» stand, womit sie den Fall mit der Unterdrückung der Schwarzen in den USA verglichen. Gegen die Inhaberin des Hofes wurde ein Strafverfahren eingeleitet. Aber auch die Kantonstierärztin, die die Euthanasie der Hunde veranlasste, wurde an den Pranger gestellt, als «Monster» bezeichnet, ihre Familie wurde mehrfach bedroht, was die Staatskanzlei Solothurn bestätigt.
«Urteile aus der Distanz sind schnell gefällt», sagt Petra Roos vom Tierheim an der Ron. «Doch wer hätte diese Hunde aufgenommen? Wer hätte für sie bezahlt?» Anspruchsvolle Herdenschutzhunde seien schwer zu vermitteln. Sie benötigten Erfahrung und genügend Platz. Aus Sicht des Tierwohls ist es manchmal klüger, einen Hund einzuschläfern, als ihn in ein Heim abzuschieben.
Ramiswil sei eine Tragödie. «Wie es so weit kommen konnte, lässt auch uns fassungslos zurück.» Aber über den Alltag in den Tierheimen rede niemand, darüber, «dass wir ganz allgemein den Respekt vor Tieren verloren haben und sie abstossen, wenn sie uns nicht passen».
Es ist kurz vor Weihnachten, viele Anrufer hätten sich bei ihr gemeldet, die ihr Tier unbedingt im alten Jahr noch hätten loswerden wollen, sagt sie und läuft an den Katzenhäusern vorbei, an Kaninchengehegen, an einer Kornnatter namens Kai Uwe und an Memphis, dem Leopardengecko.
Ein älteres Ehepaar gibt nach zehn Jahren seinen Hund ab, weil er zu viel trinkt und in die Wohnung macht. Bei einer ärztlichen Kontrolle stellt sich heraus, dass die gesamten Zähne infiziert waren und das Tier nur versuchte, mit dem Wasser sein Gebiss zu kühlen.
Ein Ehepaar kauft seinen Zwillingen zwei Meerschweinchen, «aber keines will sich streicheln oder ins Bett nehmen lassen», wie sie es auf Tiktok gesehen hätten, und die Geckos, die sie ebenfalls neu anschafften, seien nur abends wach. Sie bringen alle vier Tiere empört zurück.
Es sind Geschichten über Tiere. Aber sie handeln von uns Menschen.
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